Elektronische Unterschriften analysieren

Digitale Unterschrift

Unterschiede zu handschriftlichen Unterschriften anhand einer Fallgeschichte.

Die Ausgangslage

Vor einiger Zeit wandte sich der Personalleiter eines Versicherungsunternehmens an uns. Die Firma hatte Probleme mit einigen Dokumenten und vermutete, dass Unterschriften von drei ehemaligen Mitarbeitern auf jenen Dokumenten gefälscht worden waren. Es handelte sich dabei um ihre elektronischen Unterschriften.

Das vorhandene Material für die Schriftanalyse

Die Firma verwendete einfache Tablets ohne spezielle Programme zur Erfassung biometrischer Daten wie Geschwindigkeit, Rhythmus und Druck. Daher konnten sie nur Scans bzw. Fotokopien einiger Dokumente mit elektronischen Unterschriften zur Analyse vorlegen. Für jede der drei Personen gab es acht Unterschriften. Bei den Vergleichsproben handelte es sich um nicht-elektronische Unterschriften, die im Zeitalter des papierlosen Büros jedoch auch nur gescannt vorlagen, allerdings in sehr guter Qualität. Im Vergleich zur Qualität der fraglichen elektronischen Unterschriften gab es keine Differenzen.

Ist der Vergleich von digitalen und klassischen, auf Papier geleisteten Unterschriften überhaupt möglich?

Die Aufgabe bestand nun darin, elektronische Unterschriften mit gescannten Papierunterschriften zu vergleichen. Ist das möglich? Schließlich verstößt es gegen die Grundprinzipien der Handschriftenanalyse – man kann nur Gleiches mit Gleichem vergleichen. Aber die meisten Experten sind heute der Meinung, dass dies möglich ist wie die Veröffentlichungen am Ende dieses Beitrags zeigen. Allerdings müssen einige Faktoren berücksichtigt werden. 

Erstens, die Qualität der elektronischen Signatur. Sie wird hauptsächlich von zwei Aspekten beeinflusst, nämlich dem verwendeten Gerät und den Bedingungen, unter denen die Person unterschreibt. Es gibt viele billige und nicht sehr komfortable Geräte (signature pads), die beispielsweise bei der Auslieferung von Waren oder bei der Post verwendet werden. Oftmals unterschreiben wir auf ihnen mit dem Finger und nicht mit einem Stift. Es ist natürlich nicht sinnvoll, solche Unterschriften zu analysieren. Sie haben wenig Ähnlichkeit mit der natürlichen, nicht-elektronischen Unterschrift. 

Wenn es um Dokumente im Dokumentenfluss eines Unternehmens oder einer Bank geht, sind die Anforderungen höher und es werden gute Geräte verwendet. Dazu gehören DedicatedElectronic Signature Devices (wie ePad von ePadLink, SigGem von Topaz, Sigma oder Delta von Signotec, STU von Wacom, duraSign von StepOver), Apple iPad mit Apple Pencil oder Samsung Galaxy Tab mit S Pen, Touchscreen-Laptops und PCs. Zum Unterschreiben werden aktive oder passive Stifte verwendet. Erstere ermöglichen es, neben der Unterschrift auch dynamische Merkmale zu registrieren, die als biometrische Daten bezeichnet werden. Dazu gehören Geschwindigkeit, Druck, Zeit, Neigung des Stiftes usw. Sie werden häufig in wissenschaftlichen Experimenten zur Untersuchung der Handschrift verwendet. Letztere, die passiven Stifte, ermöglichen keine Analyse der dynamischen Merkmale, aber ihre Qualität bleibt hoch. Solche elektronischen Unterschriften können analysiert werden. 

Als zweiten Faktor muss man berücksichtigen, dass sich das Verfahren selbst auf den besten Geräten und mit der perfektesten Software von dem üblichen Verfahren mit Stift und Papier unterscheidet. Das Schreiben auf elektronischen Geräten ist nach wie vor mit einigen Unannehmlichkeiten verbunden. Der fehlende Widerstand und die mangelnde Glätte des Schreibens im Vergleich zu Papier. Außerdem ist die Haltung der Hand etwas unbequemer: Oft wird der Stift in die Luft gehalten – man versucht reflexartig, das Gerät beim Schreiben nicht zu berühren. Auf Papier hingegen lege ich immer meine Hand darauf. Ein Stilus (elektronischer Stift) wird oft senkrechter gehalten als ein Stift. Man kann sagen, dass man das auch tun muss, wenn man mit schlechten, billigen Kugelschreibern schreibt. Aber modernere Tintenroller und Gelschreiber erlauben es, in einem angenehmeren Winkel zu schreiben, wie es früher bei Tintenfüllern der Fall war.  

Unterschiede zwischen digitalen und handschriftlichen Unterschriften

All diese Faktoren können sich auf bestimmte Merkmale der Unterschrift auswirken. Und das sollte bei der Analyse von elektronischen und Papierunterschriften unbedingt berücksichtigt werden. Schauen wir uns an, welche Merkmale sich bei elektronischen Signaturen bzw. digitalen Unterschriften im Vergleich zu Unterschriften, die mit einem Stift auf Papier geleistet wurden, ändern können:

  1. Dimensionen der Unterschrift. Die vertikalen und horizontalen Dimensionen von elektronischen Signaturen ändern sich. Meistens sind sie größer. Viel seltener werden sie kleiner. Dies kann passieren, wenn die übliche Unterschrift groß ist, der Platz auf dem Gerät dagegen begrenzt. 
  2. Buchstabenabstände. Überwiegend vergrößern sie sich. Das hängt natürlich mit der Zunahme der horizontalen Vergrößerung zusammen.
  3. Abstände zwischen den Wörtern. Wenn eine Unterschrift aus einem Vor- und Nachnamen besteht, ist der Abstand oft größer. 
  4. Die Linie der Unterschrift. Bekanntlich kann die Schreiblinie horizontal, ansteigend oder abfallend sein (andere komplexere Formen, die in Texten, aber nicht in Unterschriften vorkommen können, werden hier nicht berücksichtigt). Bei digitalen Unterschriften neigt die Linie oft dazu, stärker anzusteigen, d. h. die horizontale Unterschrift wird zu einer ansteigenden Linie. 
  5. Vereinfachung der Form. Dies bezieht sich auf die Form der einzelnen Buchstaben. Es gibt weniger zusätzliche dekorative Elemente wie Schnörkel oder Monogramme.   
  6. Vereinfachung der Struktur. Vollständige Vor- und Nachnamen werden gekürzt, Endbuchstaben können oft verschwinden. 
  7. Veränderung (Vereinfachung) der Anfangs- und Endstriche. Beispielsweise können Haken an Enden, Verdickung am Anfang, lange und ausufernde Endstriche verschwinden, wenn man elektronisch unterschreibt. Der Schlussstrich wird oft kürzer und stumpfer, wohingegen er auf Papier spitz zulaufen würde. 
  8. Verbundenheit und Verbindungen. Die Verbundenheit der Unterschrift nimmt zu, ebenso die Länge der Verbindungsstriche. 
  9. Bewegungen oberhalb des Schreibbretts mit elektronischen Schreibgeräten. Da die Verbundenheit höher ist, nimmt beim Schreiben auf elektronischem Papier die Anzahl der Bewegungen in der Luft ab. Häufig wird der elektronische Stift auch an ganz anderen Stellen “vom Papier” abgehoben. 
  10. Qualität der Striche. Qualität und Geschmeidigkeit können beim Schreiben auf “elektronischem Papier” abnehmen. Es treten Verzerrungen und Tremorzüge auf. Oft entstehen kleine Schleifen oder zwei parallele Striche (Strichwiederholungen) mit einem kleinen Abstand dazwischen auf anstelle eines Deckstiches.

Obwohl diese Unterschiede in einigen Studien statistisch signifikant waren, weisen Experten darauf hin, dass dies kein Hindernis für die vergleichende Analyse von Papierunterschriften mit elektronischen Unterschriften sei. Außerdem sei die statistische Signifikanz allein nicht sehr aussagekräftig. Wichtiger sei die Effektgröße. Sie ist in der Regel gering. Dies bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit und Zuverlässigkeit der Unterschiede zwar vorhanden ist (signifikant), aber das Ausmaß und die praktische Bedeutung eines Effekts gering aufgrund der Effektgröße. Bei der Analyse sollte man somit, unter Berücksichtigung möglicher Verzerrungen, den oben genannten relevanten Merkmalen einfach weniger Gewicht geben als anderen Merkmalen. 

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die moderne Handschriftenanalyse aufgrund neuer technischer Möglichkeiten und veränderter Schreibgewohnheiten von der traditionellen Handschriftenanalyse unterscheidet. Eingehende Untersuchungen dieser Unterschiede sind von großer Bedeutung für die Zukunft der Schriftvergleichung.

Literaturangaben

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